Bedeutung der Rappbodetalsperre und Wahl des Indikators:
Die Rappbodetalsperre ist die größte Trinkwassertalsperre Deutschlands (Cöster
2021). Das Rohwasser aus der Talsperre wird im Wasserwerk Wienrode
(Betreiber: Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH, FEO) zu Trinkwasser
aufbereitet. Mit der Jahresmenge aus der Rappbodetalsperre / Wasserwerk
Wienrode wird etwas mehr als ein Drittel des Trinkwasserbedarfs von Sachsen-
Anhalt abgedeckt (Cöster 2021). Die Trinkwassermenge aus der Rappbodetalsperre
entspricht dem Bedarf von ca. 1,2 Mio. Einwohnern (Einwohnerwerte).
Sie dient aber auch dem Hochwasserschutz, der Niedrigwasseraufhöhung, der
Stromerzeugung und der Fischerei. Insgesamt hat sie einen Stauraum von 113
Mio. m³ (TSB 2023).
Das Einzugsgebiet der Rappbodetalsperre ist insgesamt 274 km² groß, wobei
157,5 km² davon durch den Überleitungsstollen aus dem Stausee Königshütte
(Überleitungssperre Trogfurter Brücke), der die Bode staut, resultieren (TSB
2014, Cöster 2021). Die mit dem Klimawandel verbundenen Änderungen im
Niederschlagsregime sowie steigende Temperaturen insbesondere im Sommer
können die Wasserbilanz im Einzugsgebiet der Rappbodetalsperre verändern
und vermehrt zu Niedrigwasser in den Zuflüssen zur Talsperre führen. Die Talsperre
bekommt dann möglicherweise nicht mehr genug Frischwasser. Um dieses
Phänomen möglichst vollständig zu erfassen, betrachtet der Indikator nicht
nur die errechnete Zuflussmenge aus dem eigenen Einzugsgebiet der Rappbodetalsperre
(116,5 km² groß), sondern auch den Zufluss aus dem Überleitungsstollen.
Bedeutung des Themas:
Die Rappbodetalsperre erfüllt viele wichtige Funktionen, allen voran die Bereitstellung
von Rohwasser für die Trinkwassergewinnung. Für die Funktionalitätder Talsperre und die Wasserqualität ist es von Bedeutung, dass die Talsperre
hinreichend mit Frischwasser versorgt wird, insbesondere über ihre Zuflüsse.
Sinkt der Wasserspiegel in einer Talsperre, können sich Nährstoffe und Planktonorganismen wie Algen und Bakterien im enger werdenden Stauraum akkumulieren
(Horn et al. 2014). Dies gilt insbesondere für die oberen, wärmeren
Wasserschichten während der Sommerstagnation (das Rohwasser für die
Trinkwasseraufbereitung wird aus dem Tiefenwasser entnommen). Bei sinkenden
Wasserständen kann das Verhältnis dieses wärmeren Wassers (Epilimnion)
zum Tiefenwasser (Hypolimnion) ungünstiger werden. Im Zuge der
Herbstvollzirkulation mischt sich das Oberflächenwasser mit dem Tiefenwasser,
sodass sich auch in den tieferen Wasserschichten Stoffe aufkonzentrieren können,
die die Trinkwasseraufbereitung aufwändiger machen. Auch könnte die
Wasserqualität beeinträchtigt werden, wenn auf länger freiliegenden Flächen, z.
B. im Stauwurzelbereich, Vegetation aufwächst (Kraut, Strauch), welche später
wieder überstaut wird, was zur Zersetzung dieser Biomasse mit Sauerstoffverbrauch
und Nährstofffreisetzung führen kann. Nimmt die Wasserqualität ab, wird die Trinkwasseraufbereitung aufwändiger.
Die Bedeutung des Themas zeigt sich auch darin, dass der Talsperrenbetrieb
insbesondere in den zurückliegenden fünf Trockenjahren (2018–2022) die Talsperrenbewirtschaftung bereits angepasst hat. Dabei galt grundsätzlich, dass
die Stauraumbewirtschaftung zur Sicherung der Rohwasserbereitstellung
oberste Priorität hat (Cöster 2021). Die Minderung des Wasserdargebotes
wirkte sich allerdings auf die verfügbare Wassermenge für die Energiegewinnung
aus. Für die Rohwasserbereitstellung und Niedrigwasseraufhöhung der
Bode gab es bisher keine Einschränkungen (Cöster 2021). Unter anderem wurden
folgende Maßnahmen umgesetzt:
- Der Stauinhalt wurde bis zum Jahresende nicht unter 60 Mio. m³ gesenkt,
um selbst bei geringen Winterzuflüssen die Rohwasserversorgung
sicherzustellen. Wasserentnahme etwa zur Energiegewinnung
wurde ggf. eingeschränkt.
- Das Sommerstauziel (sonst 01. Mai) wurde vorgezogen, da die Monate
März und April in den letzten Jahren zu trocken waren. Unter Berücksichtigung
der Schneerücklage wurde das Sommerstauziel bereits im
März erreicht.
Betrachtung des hydrologischen Jahres:
Das hydrologische Jahr (Synonyme: „Abflussjahr“, „Wasserwirtschaftsjahr“) ist
in der DIN 4049 definiert. Bei der Analyse des Abflusses von Fließgewässern ist
die Betrachtung des hydrologischen Jahres statt des Kalenderjahres üblich und
hat sich bewährt. „Durch die Verschiebung zum Kalenderjahr werden […] auch
die Niederschläge erfasst, die als Schnee und Eis im Einzugsgebiet gespeichert
werden und erst im Frühjahr als Schmelzwasser abflusswirksam sind.“ (Helmholtz-
Zentrum Hereon 2013)